„Ich hoffe, dass junge Journalisten bald Social Media nicht nur kennen, sondern auch nutzen“

Carolin Neumann gründete die „Digital Media Women“ für Frauen, „die im und mit dem Web arbeiten“ mit sieben anderen „Digitalistinnen“. Das Netzwerk ist mittlerweile ein eingetragener Verein und sowohl in Hamburg als auch in Berlin vertreten.

Carolin Neumann ist viel unterwegs. Ob als Redaktionsleiterin für VOCER, für das Netzwerk Digital Media Women oder im eigenen Auftrag – als freie Journalistin. Und wenn nicht analog, dann stößt man früher oder später im Web auf die 27-Jährige. Mit ihrem Engagement ist sie auch dem Medium Magazin aufgefallen und wurde kürzlich erst in die „Top 30 unter 30“ 2012 aufgenommen. Im Interview mit Netzwerkjournalist sprach Neumann darüber, was es bedeutet, im Netz zu arbeiten, über ihren Arbeitsalltag und warum sie sich nach ihrem ersten Tweet wieder bei Twitter abgemeldet hat.

Als wir das Interview starten, ist die Aufmerksamkeit von Carolin Neumann – „Digital Media Woman“ durch und durch – zunächst ganz auf die App gerichtet, mit der das Gespräch aufgezeichnet wird. Schnell maßregelt sie sich selbst: Sie sei wie ein „Eichhörnchen“…

Carolin Neumann: Wenn man bei mir die Bewegungen beobachten würde: Ich husche von Mail zu Tweetdeck zurück zur Mail, einem Link folgen, dann Facebook, da kommt eine Nachricht und WhatsApp, dann klingelt das Telefon. Dass ich überhaupt zu irgendetwas komme…

Aber du schaffst es ja trotzdem dann etwas Produktives zu erreichen

Ich glaube, dass ich einfach sehr schnell und multitaskingfähig bin. Das ist, wenn man so viele verschiedene Sachen macht, nicht unwichtig.

Wie machst du das mit den Push- oder Pop-Up-Nachrichten?

Push-Nachrichten vermeide ich generell, ob auf dem Smartphone oder auf dem Desktop. In meine Mails schaue ich trotzdem gefühlt alle fünf Minuten. Ich habe auch Tage, an denen ich mir klar vornehme: Heute guckst du dir deine Mails erst mittags an. Generell, wenn ich eine Deadline habe und etwas fertig schreiben muss, dann schalte ich auch gerne mal Tweetdeck und all diese Dinge aus.

Wie lange schaffst du das durchzuhalten?

Ich glaube, ich schaffe das für eine Stunde oder zwei. Es ist ein ganz schmaler Grat zwischen einer ganz irrationalen Sorge, dass ich etwas verpassen könnte, und Fällen, in denen das dann tatsächlich so ist. In den Jobs, die ich mache, bekomme ich auch mal solche „Wir müssen da mal ganz schnell was unternehmen“-Anfragen. Das heißt, ich kann mich nicht komplett ausklinken, außer ich kündige es vorher an.

Und, machst du das?

Ganz selten.

Profitierst du davon, ständig online zu sein?

Die verschiedenen Jobs, die ich mache, bestehen auch zu einem guten Teil aus Social Media-Management und -Monitoring. Das, was Social Media anstrengend macht, ist, wenn es mit allem anderen in meinem Leben verwoben ist.

Was meinst du damit?

Ich bin bei Facebook weder ausschließlich privat noch beruflich. Wenn ich mit dem einen oder anderen Ansatz ins Netz gehe, ist vom anderen immer was da drin. Das gilt für Twitter genauso.

Du hast vor etwa 2 Jahren die Digital Media Women gegründet und leitest seit etwa anderthalb Jahren die Redaktion von Vocer. Welchen Einfluss hatte dein Engagement im Netz?

Ich weiß, dass vieles, was ich heute mache, sich ergeben hat, weil ich auf Social-Media-Kanälen verhältnismäßig früh unterwegs war. Damals in meinem Abschlussjahrgang 2009 gab es Twitter schon drei Jahre, und ich war die Einzige. Das begegnet einem heute durchaus auch noch, aber damit ist nicht mehr diese Unwissenheit und Ablehnung verbunden. Die meisten jungen Journalisten sind sich zumindest bewusst, dass es da etwas gibt, was sie nicht ignorieren können.

Du gibst auch Seminare im Bereich Onlinejournalismus. Wie sieht es bei deinen Studenten mit der Social-Media-Aktivität aus?

Es ist so, dass zwar die wenigsten twittern, aber sie wissen, dass es das gibt. Die haben die Eigenschaften, die ich für Journalisten im digitalen Zeitalter für unabdingbar halte: Die Offenheit, sich so etwas anzuschauen. Ich hoffe, dass die jungen Journalisten später nicht nur sagen, dass sie das kennen, sondern selbstverständlich auch nutzen.

Was versuchst du deinen Studenten beizubringen in puncto Social Media?

Ich berichte von den positiven Erfahrungen, die ich persönlich mit Social Media gemacht habe: Die Jobs, die sich ergeben haben, die Kontakte, die ich geknüpft habe. Ich warne aber auch davor, dass nicht jeder so intensiv in der ganzen Sache involviert sein muss, um da was Positives rauszuziehen.

Mit welcher Intention hast du damals mit Blog, Twitter und Co. angefangen?

Angefangen zu bloggen habe ich im Rahmen meines ersten Studiums, und das war eher ein Experiment. Ich habe damals – ohne es Medienjournalismus zu nennen – TV-Kritiken geschrieben. Später, und das war dann schon eine bewusste Entscheidung, hab ich meine Website erstellt.

Und bei Twitter?

Mein erster Kontakt mit Twitter war 2008 – eine nerdige Person hat mich dazu ermuntert, mich dort anzumelden. Dort stand damals noch als erstes „What are you doing?“ Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich habe geschrieben: „journalist.“ Das Prinzip von Twitter hat sich mir in den ersten 15 Minuten nicht wirklich erschlossen, und so habe ich meinen ersten Account damals gleich wieder gelöscht. Zum Glück habe ich es später noch mal versucht.

Wie nutzt du das heute für deine journalistische Arbeit?

Ein Aspekt, für den ich eigentlich gar nichts besonders machen muss, ist Networking. Das kann man einfach nicht oft genug sagen, wie wahnsinnig wichtig das ist. Sich einen Namen zu machen und als Marke zu etablieren, gerade als freie Journalistin.

Der zweite Aspekt ist die konkrete Recherche, und da habe ich Social Media in den verschiedensten Situationen genutzt, z.B. Liveticker während des Libyen-Konfliktes für SpOn, wobei ich Twitter sehr intensiv genutzt habe. Was ich seit einer Weile mache, ist eine Art von Crowdsourcing-Recherche, und da hat sich Google+ als unheimlich gut erwiesen. Ich war da am Anfang sehr skeptisch und habe den Kanal gar nicht genutzt.

Der dritte Aspekt ist, mir selbst einen Spiegel vorzuhalten, so harsch manchmal Kritik auch sein kann. Wenn man mal in der Redaktion gesessen hat und die Leserbriefe dort kennt, dann scheut man sich ein bisschen davor, aber ich glaube, dass das trotzdem unheimlich wichtig ist als Rückkanal.

Nutzt du das als freie Journalistin bewusster?

Klar. Ich bin frei, und das bin ich auch in der Nutzung von sozialen Medien. Ich kann das handhaben, wie ich will. Egal für wen ich arbeite, es ist mein Account.

Hast du schon einmal richtig harte Kritik bekommen?

Ich erinnere mich an besagte Mails. Und auch via Twitter gab es da ein paar Fälle. Ich glaube, dass sich jeder Journalist eine gewisse Toleranzgrenze erarbeiten muss, damit er das nicht mehr so an sich herankommen lässt. Um ehrlich zu sein: Ich bin noch dabei.

[Das Gespräch wurde bereits vor mehreren Monaten geführt]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: