„Fast ein bisschen schizophren“

Boris Kartheuser arbeitet als investigativer Journalist und ist darauf bedacht, dass es möglichst wenig Fotos von ihm im Netz gibt, um seine Recherchetätigkeiten nicht zu behindern.

Boris Kartheuser recherchiert investigativ für Printmagazine und Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Dafür bedient sich der freie Journalist bereits seit mehreren Jahren auch in sozialen Netzwerken, so auch bei der Enthüllungsgeschichte über die verdeckte PR der Deutschen Bahn. Sein Wissen gibt der 35-jährige Kölner seitdem in Rechercheseminaren an mehr als 800 Teilnehmer pro Jahr weiter. Im Interview mit Netzwerkjournalist spricht Boris Kartheuser über die richtige Herangehensweise bei der Suche in sozialen Netzwerken, über seine „Online-Identität“ und seine Beinahe-Schizophrenie im Hinblick auf Recherche und Datenschutz.

Am Wochenende leitest du bei der netzwerk recherche-Konferenz „Daten, Recherchen, Geschichten“ einen Workshop zu „Recherche in sozialen Netzwerken“. Warum dieses Thema?

Es hat sich gezeigt, dass die sozialen Netzwerke ein mächtiges Recherchewerkzeug geworden sind, das keineswegs die alten Methoden verdrängt, aber durchaus einen Mehrwert bietet. Da sich immer mehr Leute in diesen Netzwerken bewegen, finden wir dort auch immer mehr Informationen und das können wir uns zunutze machen.

Was vermittelst du in deinen Seminaren?

Der erste Aspekt: Wie finde ich überhaupt die Informationen? Da die internen Social Media-Suchen von Diensten wie Facebook meistens relativ schlecht funktionieren bzw. meiner Ansicht nach auch bewusst schlecht gehalten sind, müssen die Teilnehmer erst einmal lernen, wie sie dieses Manko mit Hilfe von externen Suchmaschinen wie Google, Bing usw. ausgleichen können. Der zweite Aspekt ist dann, welche weiteren Informationen daraus zu gewinnen sind. Dafür ziehe ich auch IP-Recherchen heran, um beispielweise herauszufinden,  ob in Sozialen Medien verlinkte  Blogs oder Seiten derselben Personen weitere Spure preisgeben und ob andere Websites auf dem Server liegen. Dann muss man sich ein umfassendes Bild von den Accounts bei weiteren sozialen Netzwerken machen und zuletzt wissen, wie die ganzen Informationen hinterher noch zu verifizieren sind.

Du sagst, die internen Social Media-Suchmasken seien „bewusst“ schlecht gehalten.

Mit einer „site:“-Suche (also site:facebook.com) finde ich häufig mehr Mitglieder als mit der internen Suche. Es gab in der Vergangenheit bedeutend mehr Funktionen, die jetzt in den letzten Monaten noch einmal eingeschränkt wurden. Ich halte es aber für sehr unwahrscheinlich, dass es daran scheitert, dass Facebook nicht in der Lage ist, eine Suche zu programmieren.

Wie sind die Vorkenntnisse der Journalisten?

In Kursen mit gemischten Redaktionen, z.B. bei Gruner + Jahr, wo Leute aus ganz unterschiedlichen Redaktionen und Altersklassen vertreten sind, können die Kenntnisse unglaublich stark variieren. Da sind Leute, die haben in ihrem Leben noch nie Twitter oder Facebook angeschaut. Dann gibt es gerade bei jungen Journalisten einen zunehmenden Anteil an Leuten, die sehr weit fortgeschritten sind. Die Kenntnisse scheinen sich zu verbessern und das Bewusstsein nimmt zu, dass das eine wichtige Angelegenheit ist.

Wie ist die Nachfrage nach deinen Recherche-Seminaren?

Ich bin eher zufällig zum Thema gekommen. Die Beispiele bzw. Tipps, die ich benutze, entstammen alle meiner konkreten journalistischen Praxis. Das stößt auf positive Resonanz. Meine ersten Gehversuche mit sozialen Medien habe ich gemacht, als ich die verdeckte PR bei der Deutschen Bahn mit untersucht habe. Danach bin ich von Redaktionen gebeten worden, ihnen das auch beizubringen und die Nachfrage ist seitdem explodiert. Wenn ich jede Anfrage bedienen würde, dann wäre ich jetzt für ein Jahr ausgebucht.

Du hast schon deine Recherche für die „verdeckte PR der Deutschen Bahn“, die im Mai 2009 enthüllt wurde, angesprochen. Welche Rolle haben soziale Netzwerke bei der Recherche gespielt?

Die sozialen Netzwerke haben in dem Fall schon eine große Rolle gespielt. Und zwar ging es damals darum, Beziehungsgeflechte zu erkennen und herauszufinden, wer in welchem Unternehmen mit wem zusammenarbeitet. Es macht durchaus Sinn, seine Suche auf einzelne Personen zu konzentrieren und nicht das ganze Unternehmen auseinanderzunehmen.

Was hast du konkret verwendet?

Da hat mir vor allem XING weitergeholfen und LinkedIn ein wenig.

Wenn du das heute noch einmal neu anzugehen hättest, was würdest du anders machen?

Wenn ich heute eine Suche beginne, dann habe ich zehn Sites auf, von Location-Diensten wie Foursquare bis hin zu XING, Facebook, Twitter und selbst die Amazon-Wunschliste kann hilfreich sein. Heute haben wir eine Vielzahl von Diensten und eine Vielzahl von Informationen, die die Leute, meistens sogar ohne es zu merken über sich preisgeben. Die Suche nach Personen oder Informationen wurde extrem vereinfacht bei den Leuten, die eben eine gewisse Netz-Affinität zeigen.

Als Journalist sind soziale Netzwerke für dich der Himmel auf Erden?

Auf der einen Seite ist es fantastisch, welche neuen Recherchemöglichkeiten ich habe und wie mir das die Arbeit erleichtert. Auf der anderen Seite beschäftige ich mich sehr mit Datenschutz und würde mir wünschen, dass die Leute besser auf ihre Daten achtgeben. Auf meiner Site biete ich daher – und das ist schon fast ein bisschen schizophren – Anleitungen an, wie man sich sicherer im Netz bewegt und weniger Spuren hinterlässt.

Der Spiegel (02/2011) schreibt über dich: „Im Internet bewegt er sich wie in Feindesland: von Deckung zu Deckung“.

Das ist mal eine ganz gute Gelegenheit, das geradezurücken: Es ist weder so, dass ich mich im Internet wie im Feindesland bewege, noch so, dass es keine Möglichkeit gäbe, mich zu kontaktieren. Da wurde ein Bild von mir gezeichnet, das die Realität eher peripher tangiert. Was definitiv zutrifft, ist, dass ich für meine verschiedenen Recherchen auch Profile angelegt habe mit allem, was dazu gehört. Das sind in der Tat verdeckte Profile, die keinen Rückschluss auf meine Person zulassen. Es ist aber nicht so, dass ich mich im Internet mit meinem normalen Berufsleben verstecke.

Du betreibst kein „Identitäten-Hopping“?

Für meine verdeckten Recherchen ja, in meinem sonstigen Berufsleben oder privat nein.

Worauf achtest du bei deiner „Online-Identität“?

Ich lege großen Wert darauf, dass es von mir im Internet möglichst wenig Fotos gibt. Das hat mehrere Gründe: Zum einen bin ich auch immer wieder mal Undercover unterwegs und möchte nicht wiedererkannt werden. Der nächste Punkt ist, dass es mir auch nicht einleuchtet, warum es jetzt so viele Fotos von mir geben sollte. Ich bevorzuge den persönlichen Kontakt und alle, die mich kennen, wissen, wie ich aussehe. Das Dritte ist, dass ich das Ganze mit Misstrauen betrachte. Ich bekomme mit, dass sehr viele Behörden Fotos und Beziehungsnetzwerke bei sozialen Netzwerken abgrasen und in allen möglichen Datenbanken speichern. Und es gibt viel zu viele Fälle, bei denen sich die Polizei in der Vergangenheit trotz gerichtlicher Anweisungen einfach geweigert hat, einmal gesammelte Informationen wieder aus ihren Datenbanken zu entfernen. Ich bin der Ansicht, dass man auch wenn man nichts verbrochen hat, durchaus ein gesundes Misstrauen den Behörden gegenüber an den Tag legen sollte.

Auf deiner Site investigativerecherche.de trittst du unter Klarnamen auf, was du sonst im Netz vermeidest. Warum?

Das hat sich dadurch ergeben, dass ich meinen Klarnamen ins Impressum schreiben muss. Daran sieht man vielleicht auch wieder, dass ich keinen gesonderten Wert darauf lege, anonym zu bleiben. Meine beruflichen Informationen darf gerne jeder sehen.

Deine Site ist mit einer Mischung aus Blog, Visitenkarte und deiner Expertise ein Teil deiner Selbstdarstellung. Wie du vorhin gesagt hast, ist es fast schizophren zum einen von den vielen Daten zu profitieren und andererseits zu plädieren, seine Daten zu schützen. Warum die eigene Site?

Ich bin sehr neugierig, was neue Dienste und Möglichkeiten im Netz anbelangt und WordPress hat mich schon immer interessiert, ich wollte es einfach mal ausprobieren. Das war weniger als konstante Präsentationsmöglichkeit oder konstantes Blog gedacht. Die meisten Texte habe ich da hineingestellt, obwohl ich sie vielleicht auch hätte verkaufen können, aber hier möchte ich keine Rücksicht nehmen auf irgendwelche Abgabedaten und Redakteure. Ich habe einfach beschlossen, dass ich mir den Luxus gönne, die Themen ungefiltert online zu stellen. Ich bin da aber nicht der Ansicht, wie viele meiner Kollegen, dass es unglaublich wichtig ist, auf allen Kanälen präsent zu sein.

Weniger ist mehr?

Ich denke, wenn ein Journalist gute Ideen und Themen anzubieten hat und vielleicht sogar noch gut schreiben kann, dann wird er auch so Erfolg haben. Da gehört natürlich eine große Portion Mut dazu, die Redaktionen zu kontaktieren, und auch Glück, genommen zu werden. Gerade bei freien Journalisten ist es wichtig, dass man irgendeine Form von Visitenkarte vorweisen kann, mit deren Hilfe sich potenzielle Auftraggeber einen ersten Eindruck verschaffen können. Ich denke aber, dass das Bespielen von Facebook, Twitter, Google+ und einem Blog sehr viel Zeit kostet, die man besser in andere Dinge investieren sollte und könnte.

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