„Wer das nicht nutzt, ist dumm“

Inge Seibel-Müller ist Radiojournalistin und seit Jahren fasziniert von Social Media. Wenn sie nicht gerade als Moderatorin oder Referentin bei Veranstaltungen von der Akademie für politische Bildung Tutzing oder der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) unterwegs ist, twittert sie als @issis oder bloggt auf ingeseibel.de. „Es ist so unkompliziert an Leute heranzukommen“, sagt die 53-Jährige im Gespräch mit Netzwerkjournalist. Gleichzeitig bedauert sie, dass viele Radioleute noch zu skeptisch sind, obwohl mit der Technik noch mehr möglich wäre. Was das sein könnte und wie Inge Seibel-Müller Social Media für sich und beruflich nutzt, erzählt sie im Interview.

Frau Seibel-Müller, Sie bloggen seit zweieinhalb Jahren. Warum?

Ich betreue auch die Website hoerfunker.de für die Bundeszentrale für politische Bildung. In diesem Zusammenhang und als freie Journalistin habe ich mir gedacht, dass ich mir selbst eine Site einrichten sollte, wo etwas über mich steht – berufliches, aber auch privates, wie Urlaubstagebücher. Ich generiere  darüber nicht unbedingt Aufträge, aber es ist eine wichtige Visitenkarte.  Das Beste an meiner Site ist aber, dass ich schreiben und kommentieren kann wie ich möchte, während bei hoerfunker.de bestimmte Vorgaben gelten. Z.B. war es eine Zeit lang nicht so erwünscht zu verlinken und der direkte Austausch mit dem Leser ist derzeit noch nicht möglich.

Sie haben Hörfunker und das dazugehörige Projektteam, bei dem Sie auch viel in der Ausbildung von Radiojournalisten tun, angesprochen. Setzen Sie da mittlerweile viel auf Social Media?

Ja, schon. Wir haben bei unseren Tutzinger Radiotagen im vergangenen September einen ganzen Workshop diesem Thema gewidmet. Die Radio-Leute sind ein bisschen skeptischer als viele andere – z.B. Zeitungskollegen – was gerade den Einsatz von Twitter betrifft. Auf Facebook sind sie fast alle, aber ich habe das Gefühl, dass viele Radiosender nicht genau wissen, was sie da eigentlich tun. Allerdings habe ich auch die These, dass Radiosender ein bisschen anders sein dürfen auf Facebook. Schließlich kommunizieren sie 24 Stunden am Tag über den Sender. Die Kollegen haben vielleicht auch durchaus das Recht, noch auf Facebook zu experimentieren oder es nur als Zusatzkanal zu nutzen.

Wie ist das mit Twitter?

Ich würde sagen, eher mau. Viele Radiosender lassen so gut wie nur Feeds laufen und kündigen den nächsten Programmpunkt an. Es gibt allerdings ein paar Kollegen vom Radio, wie z.B. Felix Hügel, Dennis Horn oder Daniel Fiene, die persönlich twittern und zu meinen Favoriten zählen. Interessant ist auch der Account von 1LIVE, die mittlerweile sehr viel mit storify arbeiten, aber das sind wenige Ausnahmen. Die meisten Radiosender, auch so große wie Antenne Bayern, twittern nur sporadisch. Ich glaube, die Sender haben das Potential noch nicht erkannt. Hier ist durchaus noch Ausbildungsbedarf: Mehr die Tools an die Hand legen und zeigen, wie man Leute finden und wie man sie animieren kann, mit dir in Kommunikation zu treten.

Sie haben Mitte der 1980er Radio Charivari München mit aufgebaut. Wenn Sie damals die Mittel von heute gehabt hätten, was hätten Sie anders gemacht?

Es wäre wunderbar gewesen. Jetzt klinge ich wie eine Oma, aber wenn wir uns damals einen O-Ton geholt haben, dann hat man das alles mühsam mit den Bandmaschinen zur meist nur einmaligen Verwendung schneiden müssen. Mit den heutigen Vervielfältigungsmöglichkeiten kann das Programm viel lebhafter wirken: Die Technik verändert natürlich die Inhalte. Heutzutage sind allerdings sehr viele Moderationen nur noch mit O-Tönen versetzt und die klassischen Beitragsformen fast vergessen. Das geht natürlich schneller, aber es kommen keine tiefer greifenden Sachen mehr. Man kann heute viel mehr tun als damals, aber ich habe das Gefühl, dass die Palette nicht genutzt wird. Man könnte heute auch noch viel mehr Hörer mit ins Programm einbeziehen.

Wie könnte man das schaffen?

Auch heute noch sind Hörer hauptsächlich Stichwortgeber, z.B. bei einer Umfrage, Gewinnspielen oder sie dürfen sich einen Titel wünschen oder jemanden grüßen. Dabei ließe sich auch das Wissen der Hörer nutzen. Ich habe vor kurzem eine Geschichte bei einem Sender gehört, bei dem Elektroautos getestet wurden. Ein Hörer rief bei dem Sender an und erzählte wie ein Experte von seiner Erfahrung. Den hat man dann auch ernstgenommen. Wir sagen doch auch ganz oft im schreibenden Journalismus: Ein Artikel ist heute nicht mehr zu Ende, er wird noch weitergeschrieben, durch Kommentare, Anmerkungen oder Verbesserungen. Genauso kann man auch beim Hörfunk so eine Geschichte anfangen und dann über Facebook weitere Ideen aufgreifen und Menschen ansprechen.

Hätten Sie bei Radio Charivari von Anfang an auf Social Media gesetzt?

Ganz bestimmt. Obwohl, als ich mit Social Media angefangen habe, ging es mir eigentlich wie vielen anderen: Zuerst habe ich vier, fünf Monate gebraucht, in denen ich dachte: „Was soll ich jetzt damit?“ Bei mir war es der Zufall: An dem Tag, an dem das Flugzeug im Hudson River landete, war ich ungefähr die 315. Person, die dieses Foto gesehen hat. Eine Stunde später hatten schon Zehntausende dieses Foto weitergeteilt. Das hat mich damals so fasziniert, dass ich angesteckt wurde.

Sie haben gesagt, dass das „tiefer greifende“ verloren geht. Wie schafft man denn den Spagat zwischen gut und schnell?

Radio war immer das schnellste Medium, das hat sich durch die Konkurrenz von Twitter und Facebook geändert. Ich stimme Kollegen wie Michael Praetorius zu, die sagen, Twitter und Radio seien verwandt. Aber Radio ist ja nicht NUR schnell und aktuell, sondern ich kann Radio gestalten wie es früher war. Das eine ist das Schnelle, aber das andere ist das hintergründige Informieren oder Unterhalten, was ich länger vorbereiten muss. Diese Geschichten kommen in vielen Sendern zu kurz.

Ist die Leidenschaft dafür bei den Nachwuchsjournalisten (noch) da?

Das glaube ich schon, aber viele haben nicht die Gelegenheit das auszuleben. Wenn sie in einem Volontariat sind, gibt es bestimmte Zwänge bei einem Radiosender. Sie bekommen im Alltag das mit, was wichtig ist und haben dann wenig Chancen andere interessantere Formen auszuprobieren. Das ist der normale Ablauf. Je nachdem, ob man eine gute Stimme hat, wird man bei vielen Sendern sehr schnell auf die Antenne gelassen und dann sind sie schon drin in der Mühle.

Dann ist das Problem, wieder aus der Mühle herauszukommen…

Aber einige machen das ganz schlau. Mit eigenen Podcasts, eigenen Websites oder Blogs entwickeln sie sich engagiert auf dieser Schiene weiter. Allerdings zeigen noch viel zu wenige diese Eigeninitiative. Ich habe gerade einen Beitrag über Neal Augenstein veröffentlicht. Der Reporter beim Washingtoner Nachrichtensender WTOP arbeitet bei Außenreportagen seit zwei Jahren nur noch mit dem iPhone und hat sich alle Kniffe selbst beigebracht. Man braucht kein Studio und aufwändiges Equipment hinter sich, man braucht nur Experimentierfreude und die Zeit. Natürlich ist das zeitaufwändig, darüber dürfen wir uns gar keine Illusionen machen, aber ich denke, man muss immer erst einmal investieren, bevor man etwas zurückbekommt.

Ich habe oft das Gefühl, dass über meine Generation gedacht wird, wir seien für Qualitätsjournalismus durch Social Media, Google & Co. „versaut“.

Das Recherchieren war noch nie so einfach wie heute. Wenn früher irgendetwas war, mussten wir anrufen, auf den Pressebericht warten und zur Pressekonferenz gehen. Heute hat jeder und jede Institution eine eigene Site und präsentiert uns die Information auf einem Tablett. Leider ist es schlimmer als je zuvor, dass bestimmte Medien ein Thema vorgeben und alle anderen in diese Richtung rennen. Wir haben kaum jemand, der sich traut gegen den Strich zu bürsten. Ich bin mir aber sicher, dass wir da Änderungen bekommen. Es kommt, und da ist die junge Generation auch gefragt, dass man wieder sagt: Wirklicher Journalismus, der es auch wert ist, bezahlt zu werden.

Sie sprechen über Paid Content. Herrscht da seit Monaten nicht diese Ohnmachtsstimmung?

Es geht darum, ob Journalismus in Zukunft noch bezahlbar ist. Viele Informationen finden Sie heute einfach nur hundertmal vervielfältigt im Netz. Warum dafür bezahlen? Unter Journalismus verstehe ich nicht nur das schnelle und oftmals unkritische Verbreiten von Informationen. Journalisten müssen die Inhalte  wieder mehr überprüfen, hinterfragen, von mehreren Seiten beleuchten. Das ist ganz wichtig und da sehe ich auch noch eine große Zukunft, auch fürs Radio.

Und im Printbereich?

Ich finde es faszinierend, wie  einfach heute der „normale“ Mensch Informationen bekommt und hier liegt es wieder in der Verantwortung des Journalisten, das zu bündeln, damit man nicht in der Flut ertrinkt. Da kommen wir zu dem hässlichen Wort „kuratieren“, das ich nicht mag, das aber beschreibt, was vielleicht in Zukunft die Aufgabe des Printjournalisten sein könnte.  Lassen Sie mich aber noch sagen, was ich auf Twitter so toll finde und was früher nicht möglich war: Die Geschichte über Neal Augenstein habe ich fast ausschließlich über das Netz zusammengetragen. Dabei bin ich auf ein Mikrofon für das iPhone gestoßen. Ich habe über Twitter Neal Augenstein geschrieben und gefragt, ob er das Mikrofon schon ausprobiert habe. Nur fünf Minuten später hat er mir geantwortet. Es ist so unkompliziert an Leute heranzukommen. Auch für mich als Freelancer ist der Kontakt zu Kollegen wichtig. Ich habe über Jahre bei Twitter wunderbare neue Freundschaften mit Journalistenkollegen geschlossen und wir haben uns gegenseitig auch beruflich weitergeholfen. Wer das nicht nutzt, ist dumm.

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Comments
4 Responses to “„Wer das nicht nutzt, ist dumm“”
  1. opalkatze sagt:

    Die Zwänge, etwas nicht zu tun, beginnen bereits in der Journalistenschule – sicher nicht in jeder, aber immer noch in vielen. Selbst „nach außen“ zu verlinken, gilt vielerorts noch als Sünde, und ob jemand sich sicher im Netz bewegt und die tools anwenden kann, interessiert überhaupt nicht. Auch Bloggen und Twittern werden als eher exotisch und jedenfalls überflüssig betrachtet.

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