„Ich habe ein Jahr gebraucht, bis ich mich mit Twitter anfreunden konnte“

Thomas Mrazek ist seit über 15 Jahren als freier Journalist unterwegs. Dass der 48-Jährige seit 2005 auch das Portal onlinejournalismus.de inhaltlich verantwortet, kommt nicht von ungefähr: Seit seinem Studium befasst er sich mit Journalismus und dem damals neuen Medium „Internet“. Seine Erfahrungen kann er auch heute noch in der Fachgruppe Online-Journalismus im Bayerischen Journalisten-Verband (BJV) und im Fachausschuss Online im Deutschen Journalisten-Verband (DJV) einsetzen. Warum er Twitter erst kennenlernen musste und trotzdem schätzt und warum er anderen rät, in sozialen Medien auch mal zu provozieren, sagt er im Gespräch mit Netzwerkjournalist.

Herr Mrazek, Sie haben 1998 Ihre Magisterarbeit „Internet und Journalismus“ geschrieben. Darin formulieren Sie: „Die Auswirkungen des Internet auf die journalistische Profession werden nicht dramatischer Natur sein.“ Wie würden Sie das Ergebnis heute bewerten?

Es ist alles anders gekommen als wir erwartet haben. Eine Zeit lang mag das ja gegolten haben, aber jetzt haben sich die Umstände radikal verändert. Diese bieten uns aber sehr viele Chancen wie wir den Journalismus weiterentwickeln können.

Welche Chancen meinen Sie?

Gerade durch das Web 2.0, durch den Publikumskontakt, durch die multimedialen Möglichkeiten und die neuen Endgeräte wie Handys und Tablets:  Da steckt so viel Potenzial für uns Journalisten drin, wo wir unsere Fähigkeiten beweisen können. Wir dürfen uns nicht Angst machen lassen, da jetzt so ein Mehr von Informationen da ist. Wir können vielmehr für Ordnung sorgen und über unser journalistisches Profil zeigen, dass wir letztlich die Besten sind, um die Informationen professionell zu filtern und sachgerecht aufzubereiten.

Wenn Sie jetzt nochmal ihre Abschlussarbeit schreiben müssen. Worüber würden Sie forschen?

Ich wollte mal promovieren. Das hatte ich mir schon recht frühzeitig, ich glaube 2000, vorgenommen mit dem Thema „wie wir mit dem Journalismus im Internet Geld verdienen können“.

Ist das nicht eher etwas für die „Praxis“?

Das muss man natürlich ausprobieren. Ich bin ja auch im DJV im Ehrenamt für die Onlinejournalisten tätig. Dort fragen wir uns auch täglich wie wir unseren Kollegen zeigen können, wie wir mit Journalismus im Netz Geld verdienen können. Viele Online-Journalisten stellen sich diese Fragen; auch angestellte Online-Journalisten, weil sie in den meisten Medienhäusern oft das fünfte Rad am Wagen sind. Dann heißt es: „Online bringt kein Geld. Die geben nur unsere teuer erarbeiteten Inhalte kostenlos heraus.“ Mit solchen Klischees müssen sich leider viele Kollegen im Onlinebereich immer noch auseinandersetzen.

Das ist auch 2011 immer noch so?

Ja, das ist leider immer noch so. Es zeichnen sich aber positivere Tendenzen ab. Dass Wolfgang Blau von Zeit Online zum Journalist des Jahres gewählt wurde, ist – wenngleich es nur eine symbolische Bedeutung hat – ein sehr positives Signal für die ganze Branche: Es gibt Medien, die sich Online engagieren, darin investieren und das dann auch vorantreiben und letztlich damit auch Erfolg haben.

Das Online-Magazin onlinejournalismus.de ist ein ehrenamtliches Projekt ohne Autorenhonorare. Warum haben Sie sich für dieses Modell entschieden?

Wir wollten unsere Unabhängigkeit wahren. Klar könnten wir auch Werbung schalten, es ist aber ein angenehmes Gefühl, das Blog ohne jeglichen Druck betreiben zu können. Darum können wir es auch mit dem Aktualisieren etwas lockerer handhaben und können auch mal nur kurz anrecherchierte Beiträge und Notizen dort veröffentlichen.

2005 haben Sie die inhaltliche Verantwortung von onlinejournalismus.de übernommen. Im selben Jahr haben Sie auch einen eigenen Blog aufgebaut.

Das mit dem Blog war damals relativ neu für mich. Es hat sich einfach so ergeben. Das ist ja nur recht und billig, wenn man als freier Journalist auch ein eigenes Blog betreibt. Das gehört einfach für mich heutzutage dazu.

Inwiefern?

Ich bin ja eher auf der Meta-Ebene als Medienjournalist. Da muss ich mich irgendwie selbst darstellen – zumindest eine Visitenkarte im Netz haben – damit man sehen kann, was ich so mache, mit wem ich vernetzt bin und mit welchen Themen ich mich beschäftigt habe. Für den Journalisten ist es wichtig zu sehen, wie das Blog funktioniert: Welche Themen kommen besonders gut an, über welche Themen wird diskutiert, wie geht man überhaupt mit Lesern um. Jahrelang hatte ich den Eindruck, von 2000 bis 2005, dass es eine gewisse Stagnation gibt. Dann kam plötzlich dieser Schub mit Blogs, sozialen Netzwerken und diesen ganzen Möglichkeiten. Die Nutzungsintensität wurde immer größer. Generell hat sich das in vielen Bereichen unseres Berufes sehr verstärkt, dass z.B. ergänzende Recherchen nicht mehr ohne Google & Co. denkbar sind.

Sie nutzen Twitter nicht nur über onlinejournalismus.de, sondern auch über einen persönlichen Account. Warum?

Darüber verfolgt man ja ganz unterschiedliche strategische Ziele. Der Twitter-Account ojour_de läuft automatisch. Auf meinem privaten Account äußere ich mich auch ab und zu privat. Man kann auch mal einen ganz anderen Stil ausprobieren, aber hauptsächlich soll es einigermaßen seriös sein und auch professionelle Inhalte weiterbefördern. Ich profitiere unheimlich davon, dass ich von anderen Tweets lese. Das sind meine Filter. Ich bin manchmal sehr beschäftigt und habe wenig Zeit, mich mit gewissen Dingen aus meinen Berufsfeldern zu beschäftigen. Über diese Filter entgeht mir eigentlich nichts. Die anderen picken quasi für mich Themen aus meinem Bereich raus. Das finde ich eine ganz faszinierende Sache.

Also ein Must-Have für (freie) Journalisten?

Sie sollten es zumindest mal ausprobiert haben. Ich habe ein Jahr gebraucht, bis ich mich richtig mit Twitter anfreunden und daraus Nutzen ziehen konnte. Leider ist bei nicht wenigen freien Journalisten die Denke vorhanden, dass das nur Zeit koste und unübersichtlich sei. Dabei kann man gerade auch damit wieder seine ureigensten journalistischen Fähigkeiten beweisen und mit mehr journalistischer Leidenschaft und Neugier reingehen. Ich sage oft meinen Studenten: „Seid mal ein bisschen rotzig, versucht auch mal frech zu sein, provoziert vielleicht auch mal, probiert euch da aus.“ Dieser Geist fehlt einfach bei vielen Journalisten hierzulande. Ich mag das einfach nicht, wenn dann gejammert wird, wie schlimm die Medienbranche doch sei. Das ist leider so eine negative Grundhaltung. Ich sehe durchaus auch, dass für viele ein ökonomischer Überlebenskampf stattfindet, wenn man aber nur rückwärtsgewandt agiert, dann kommt man leider auch nicht weiter.

Sie haben Ihre Lehrtätigkeit an der Uni angesprochen. Man könnte vermuten, dass die Studenten bereits über Social Media bestens Bescheid wissen und eher Ihnen noch etwas beibringen?

Klar ist es auch so, dass ich von denen viel lernen kann. Das ist ein Geben und Nehmen von denen, die sich da aktiv beteiligen. Es gibt aber wie gesagt nicht wenige, die auch eine etwas zögerliche Haltung an den Tag legen.

Wie reagieren die dann auf Ihre Aufforderungen?

Eines der häufigsten Argumente ist: „Es gibt schon so viel und ich weiß gar nicht, worüber ausgerechnet ich jetzt noch schreiben soll.“ Dabei gibt es so viele Nischen, in denen man sich bewegen kann. Das kann auch mal was ganz Regionales sein. Da ist einfach auch Kreativität erforderlich sowie Mut und Leidenschaft.

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