„Es ist unser Job, dahin zu gehen, wo Kommunikation stattfindet.“

Sonja Kaute ist aktive Bloggerin und Social Media-Nutzerin. Die freie Journalistin nutzt das soziale Web aber nicht nur persönlich und beruflich, sondern hat sich auch empirisch mit der Verknüpfung von Journalisten und Blogs befasst. Für ihre Diplomarbeit „Grenzgänger 2.0“ hat sie vor zwei Jahren Journalisten, Experten und Leser befragt und dargestellt, warum „Journalisten nicht länger Weblogs ignorieren sollten“. Im Interview mit Netzwerkjournalist spricht die 34-Jährige über ihren Blog „Stift und Blog“, über Pseudonyme im Social Web und Eigen-PR der Journalisten in sozialen Netzwerken.

Sonja, du hast deine Diplomarbeit vor zwei Jahren abgegeben. Was hat sich seitdem verändert in der Branche?
Ich glaube, dass die Aufmerksamkeit von Blogs weggegangen ist, hin zu Diensten wie Facebook, Twitter  und Google+. Zumindest die Kommunikation und Diskussion. Ich beobachte jedenfalls in meinem Blog, dass es kaum noch Kommentare gibt und ich meine, das auch in anderen kleineren Blogs wahrzunehmen. Ich glaube, dass ich früher Beiträge, Links und Leseempfehlungen verbloggt hätte und heute twittert man das eben mal so raus. Aber das hat keine Auswirkung auf die Relevanz von Blogs für Journalisten.

Welchen Stellenwert hat dein Blog für dich?
Ich würde es als Kern meiner Onlinepräsenz betrachten, weil ich meinen Blog als Visitenkarte im Netz ansehe. Ich bin dadurch ansprechbar und online überhaupt sichtbar. Beispielsweise für Auftraggeber. Wenn man viel Lesestoff empfiehlt oder Diskussionen führt und viel kommentiert, dann muss man nicht jedes Mal einen Blogeintrag dazu schreiben, dann geht das bei Twitter, Facebook und Google+ auch sehr gut. Wenn man Sachen analysiert oder seine Meinung ausführlicher kundtun möchte, ist ein Blog sicherlich besser geeignet.

Der Untertitel deiner Arbeit heißt: Warum Journalisten nicht länger Blogs ignorieren sollten. Welche Situation gab es denn noch vor zwei Jahren?
Ich glaube schon, dass Blogs selbstverständlicher geworden sind. Vor einigen Wochen war ich auf der Veranstaltung „Besser Online“ vom DJV. Da ging es nicht mehr um die Frage, OB man bloggen sollte und OB Facebook und Twitter für Journalisten interessant sind, sondern darum, WIE man das eigentlich für sich nutzen kann. Das fand ich eine Veränderung zu vor zwei Jahren.

Ende 2010, ein Jahr nach deiner Diplomarbeit, hast du dein Blog aufgebaut und dich bei den sozialen Netzwerken angemeldet. Das war alles in einem ähnlichen Zeitraum. Warum ausgerechnet dann?
Ich blogge eigentlich schon seit fünfeinhalb und twittere seit etwa drei Jahren. Allerdings habe ich das jahrelang unter Pseudonym gemacht. Ich habe damals eine Studienarbeit zum Thema Weblogs geschrieben und wollte wissen, worum es da geht und wollte das selber austesten. Das hatte zwar wenig mit Journalismus zu tun, ich habe aber ganz viel darüber gelernt. Nach dem Studium wollte ich das ernster nehmen: Als Journalistin davon profitieren und das als Spielwiese nutzen.

Warum hast du unter Pseudonym angefangen?
Ich wusste noch gar nichts über Blogs und ich wusste auch nicht, worüber ich schreiben wollte. Mir war das damals zu riskant und ich war zu skeptisch. Ich glaube auch, dass es in dem Fall die richtige Entscheidung war. Es ging sehr stark um meinen Alltag. Das sind Sachen, die ich als Journalistin überhaupt nicht mehr schreibe und blogge.

Würdest du das auch anderen z.B. Journalistik-Studenten raten?
Ich glaube, dass das jeder für sich entscheiden muss. Man kann unter Pseudonym erst einmal anfangen. Dann muss man sich aber bewusst sein, dass man nicht die Möglichkeit hat, das als Visitenkarte zu nutzen oder darüber Aufträge zu generieren. Es ist auch schwerer, sich zu journalistischen Themen zu äußern, wenn man seinen Namen als Journalist gar nicht preisgibt. Es wirkt nicht so glaubwürdig. Es gibt sicher auch Journalisten, die nachher feststellen, dass es nichts für sie ist. Also bevor sie aus lauter Skepsis von vornherein festlegen: „Nein, das mach ich nicht!“, lieber erst einmal unter Pseudonym testen.

Wie ist das für dich als freie Journalistin?
Bei meiner Diplomarbeit habe ich unter anderem freie und festangestellte Journalisten, die bloggen, befragt. Alle ziehen ungefähr die gleichen Vorteile aus dem Bloggen, aber die Freien haben der Eigen-PR eine besondere Bedeutung gegeben. Ich selbst sehe das auch so. Ich bekomme über mein Blog, obwohl es auch ein sehr kleines ist mit weniger Lesern, spannende Kontakte, generiere Aufträge oder werde auch mal zu einer Veranstaltung eingeladen.

Hast du eine Strategie?
Eine Strategie steht da nicht dahinter, das ist schon viel Bauchgefühl. Das hat sich auch über die sechs Jahre, die ich jetzt aktiv im Social Web unterwegs bin, so ergeben.

Warum hast du dich mit „Stift und Blog“ auf das Thema Social Media für Journalisten und Redaktionen fokussiert?
Ich hab während der Diplomarbeit gedacht, es wäre spannend ein Blog aufzumachen und deren Ergebnisse dort zu diskutieren. Spannend finde ich es, mich mit denjenigen zu unterhalten, die neugierig sind, aber noch nicht so viel Ahnung und noch diese Skepsis haben. Das ist besser als diese immerwährenden Diskussionen von Leuten, die da schon angekommen sind und die es nicht schaffen, die unerfahrenen Leute anzusprechen.

Du meinst die vielen bekannten Blogger auf den unzähligen Veranstaltungen?
Genau. Es ist gut, bekannte Blogger wie Richard Gutjahr einzuladen. Er ist nun einmal ein Publikumsmagnet und man kann viel von ihm lernen. Aber warum setzt man nicht jemand daneben, der einfach ein kleines harmloses Blog führt, aber auch ganz viel erzählen kann? Ich sehe das so oft, dass Journalisten im Publikum sitzen und sagen: „Ja, aber… Wer verdient denn so viel Geld damit und wer hat denn so viel Zeit, so etwas aufzubauen?“ Die sind dann eher abgeschreckt von Beispielen, bei denen es ungewöhnlich erfolgreich verlaufen ist.

Sind das auch Erfahrungen, die du mit Redaktionen und Kollegen, mit denen du zusammenarbeitest, machst?
Ich habe im Moment vor allem bei den Ruhr Nachrichten ein wenig Einblick, weil ich da als Freie arbeite. Die sind schon sehr offen, sehr neugierig und experimentieren viel mit Social Media. Immer mehr Redakteure twittern dort. Ich finde es spannend, dass das sehr gepusht wird. Das ist genau diese Neugierde, die auch einzelne Redakteure ansteckt. Durchaus junge, aber auch ältere Redakteure, von denen man das vielleicht gar nicht erwartet.

Bekommst du da auch direkt Feedback zu deinen Blog- und Social Media-Aktivitäten?
Nein, aber ich habe den Kontakt zu den Ruhr Nachrichten im Prinzip übers Bloggen und Twittern bekommen und daraus ist dann letzten Endes die freie Mitarbeit entstanden. Ich merke es manchmal, wenn ich mit jüngeren Kollegen unterwegs bin, dass sie diese Neugier und Fragen zu Blogs und Social Media haben, aber sich dann doch nicht so trauen, sie zu stellen.

Vielleicht solltest du so eine Art Sprechstunde für Social Media einführen.
(lacht) Mit meinem Blog habe ich das Problem, dass ich eigentlich für die Journalisten, die im Social Web wirklich aktiv sind, nichts Neues schreibe. Eigentlich spreche ich damit eher diejenigen an, die neugierig sind, aber die nicht so viel wissen. Es ist aber schwierig diese Leute über ein Blog anzusprechen. Aber das war mir auch von Anfang an bewusst.

Wo siehst du dich heute in der Social Media-Welt?
Ich sehe das, egal ob es jetzt ums Blog, um Twitter oder Facebook geht, als Ergänzung zu dem, was ich sowieso als Journalistin mache. Ich würde mich nicht darüber definieren. Ich könnte mir aber auch nicht vorstellen, in einer Redaktion zu sitzen, wo diskutiert wird, ob Twitter und Blogs überhaupt für Journalisten Sinn machen oder nicht. Da hätte ich keine Lust drauf, außer ich könnte da Überzeugungsarbeit leisten.

Also doch die Sprechstunde?
(lacht) Blogs und Social Media sind eben nicht jedermanns Ding. Nicht jeder Journalist muss selbst bloggen oder twittern. Damit aber umgehen können, diese Kanäle beispielsweise für die Recherche nutzen können, das sollte definitiv zum Handwerkszeug von Journalisten gehören. Es ist unser Job, dahin zu gehen, wo Informationen fließen und Kommunikation stattfindet. Wer das nicht versteht, hat den falschen Beruf ergriffen. Beim selbst bloggen und twittern ist es dagegen wichtig, sich damit wohl zu fühlen. Sonst klappt das nicht.

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