Deutsche Journalisten als Social Media-Muffel

96 Prozent der Journalisten im Vereinigten Königreich (UK), in Finnland, Schweden und Deutschland nutzen in einer typischen Woche soziale Medien für ihre Arbeit. Wie das Dienstleistungsunternehmen Cision in der Studie “Social Journalism 2011“ von Anfang Oktober mit 1560 Journalisten herausfand, zeigt sich aber, dass die aktive Nutzung sich sehr stark zwischen den Ländern unterscheidet. Die 189 befragten deutschen Pressevertreter hängen im Vergleich vor allem zum Vereinigten Königreich oftmals hinterher.

Wikipedia ist am beliebtesten bei den Journalisten. 76 Prozent der deutschen Journalisten nutzen die Web-Enzyklopädie, ähnlich wie ihre Kollegen in Schweden und Finnland. 68 Prozent der Befragten Deutschen verwenden Wikipedia als Quelle und sogar 54 Prozent den „Informationsspeicher“, um eine Story zu verifizieren und authentifizieren. Im Gegensatz dazu machen das nur 23 Prozent der britischen Journalisten. Auch bei sozialen Netzwerken wie Facebook sind die deutschen Presseleute verhältnismäßig gut dabei. 62 Prozent nutzen das „Network“ im Gegensatz zu 70 Prozent in den beiden skandinavischen Ländern.

Bei Blogs und Twitter ist die Nutzung der deutschen Journalisten relativ gering. Während in UK Twitter von 70 Prozent der Journalisten als Quelle genutzt wird, sind es in Deutschland lediglich 29 Prozent. Blogs ebenfalls als Quelle zu nutzen, gab die nur 40 Prozent der deutschen Pressevertreter an. Damit sind sie das Schlusslicht unter den vier Ländern. Dabei ziehen die deutschen Journalisten soziale Medien vorrangig als sekundäre Quellen (mit 68 Prozent) und zu 63 Prozent als primäre Quelle heran. Journalisten im Vereinigten Königreich nutzen dagegen bereits zu 73 Prozent jeweils als primäre bzw. sekundäre Quelle. Die Briten verwenden das Web 2.0 vor allem zur Beobachtung und Monitoring. Lediglich 47 Prozent der deutschen Journalisten verfahren so.

Weniger Vertrauen in die Reputation im Netz

Interessant, dass deutsche Journalisten Social Media verhältnismäßig weniger benutzen, um ihre eigene Arbeit zu veröffentlichen: Nur rund ein Viertel nutzt jeweils Blogs und Mikroblogs, um für das journalistische Produkt zu werben und es zu verbreiten. Viel mehr Deutsche als die befragten Journalisten der anderen Länder glauben nicht, dass die Nutzung von sozialen Medien ihre Glaubwürdigkeit als Journalist erhöhen würde. Ebenso wenig enthusiastisch stimmten die deutschen Redakteure zu, dass Social Media ihre Produktivität erhöhen würde, als die der anderen befragten Länder.

BDZV: Zeitungen stark präsent, weiterer Ausbau geplant

Im Vergleich zu vielen einzelnen Journalisten sind die Verlage und die Zeitungen viel stärker als Marke im Social Web präsent. Wie der Bundesverband  Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in einer Marktanalyse von Anfang November herausfand, seien 85 Prozent der 400 untersuchten Zeitungstitel im Social Web aktiv. Zudem würden 90 Prozent der Befragten einer zunehmenden Bedeutung der Netzwerke zustimmen. Das ist nicht überraschend, zumal die meisten Aktivitäten mit dem Auf- und Ausbau des Zeitungsangebotes zusammenhängt.

Die befragten Zeitungsverleger und Chefredakteure gaben an, einen Ausbau ihrer Aktivitäten zu planen. Auch Angebote für User Generated-Content sollen erweitert werden. Den Teilnehmern sei klar, dass noch mehr Potenzial in ihren Aktivitäten stecke und 98 Prozent der Befragten sagen, dass die Zeitungen von einem richtigen Social Media-Einsatz profitieren könnten.

Ist der deutsche Journalist jetzt ein Social Media-Muffel? Oder versteckt er sich nur hinter der Web 2.0-Präsenz seines Mediums? Aber reicht das aus? Im Social Web kann der Einzelne seine Marke – unabhängig vom Medium – mit vielen Möglichkeiten aufbauen. Wie das gehen kann und wer das nutzt, will „Netzwerkjournalist“ in den kommenden Wochen herausfinden.

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Comments
2 Responses to “Deutsche Journalisten als Social Media-Muffel”
  1. Statt einer Antwort zwei Original-Tweets, die ich gestern versandt habe:

    Die @rheinzeitung wird heute wieder vertrauliche Dokumente zum #Nürburgring ins Netz stellen. #RZleaks #nring

    = https://twitter.com/#!/RZChefredakteur/status/134189585205964800

    RZ leakt Dokumente: Wie massiv der Nürburgring unter Kafitz die Besucherzahlen frisierte. http://ow.ly/7o4lh #nring

    = https://twitter.com/#!/RZChefredakteur/status/134315304170950656

    Soll sagen: Bei der @rheinzeitung sind Twitter, Facebook und Google+ samt der dazughörigen Denke längst ganz normale Bestandteile der regulären Arbeit.

    • Das klingt interessant, Herr Lindner! Gerne würde ich mehr dazu erfahren, welche Tools die Rhein-Zeitung nutzt und wie sie im Redaktionsalltag eingebettet werden. Hätten Sie Zeit mehr darüber zu berichten z.B. in Form eines Interviews? Ich habe Ihnen dazu bereits eine E-Mail geschrieben. Über mehr Einblicke würde ich mich freuen.

      Stefanie Michels

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